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Assistenzhund bei psychischen Erkrankungen, Vermeidung, Ängste, Zutrittsrechte, Exposition


Bei meinem letzten Termin mit meiner Psychiaterin begleitete mich mein Assistenzhund Yoshi. Er war das erste Mal bei ihr, aber vorher schon bei einigen anderen Ärzten und Terminen dabei. Alles kein Problem, dachte ich.

Und dann sagte meine Psychiaterin, dass sie den Assistenzhund als Vermeidung sehe. Excuse me?!? Ich war in dem Moment ziemlich überrascht und entsprechend sprachlos, so dass mir keine wirklichen Argumente eingefallen sind. Sie verglich es mit Angstpatienten, die mit Rollator unterwegs sind, weil sie Angst vorm Umfallen haben. Auf dem Heimweg und auch die Tage danach ging es mir tatsächlich ziemlich schlecht deshalb. Mein Kritiker feierte eine Party und machte einige blöde Kommentare in meinem Hirn.

Der Termin ist mittlerweile auch schon wieder… mhmm… geschätzte 1.5 bis 2 Monate her, aber aus dem Kopf geht es mir immer noch nicht. Deshalb nun dieser Blogpost.

Was ist Vermeidung bei mir?

  • Vermeidung ist, wenn ich statt dem Fahrstuhl die Treppe nehme, weil ich Angst vor’m Fahrstuhl fahren habe.
  • Vermeidung ist es, wenn ich meine Wohnung nicht verlasse aus Angst, auf Menschen zu treffen.
  • Vermeidung ist es, wenn ich nur zu bestimmten Zeiten einkaufe, um die „richtige“ Anzahl an Personen im Laden zu haben.
  • Vermeidung ist es, nicht auf Toilette zu gehen, aus Angst, dass ich mich blamiere.
  • Vermeidung ist es, irgendwo nicht hinzufahren, weil ich Angst vor unbekannten Situationen habe.
  • Vermeidung ist es, wenn ich nicht durch die Bahn laufe, um nach einem Platz zu suchen, sondern an der Tür stehen bleibe, nur um nicht von Menschen angeschaut zu werden.
  • Vermeidung ist es, die Bahn/das Auto statt dem Bus zu nehmen.
  • Vermeidung ist, wenn ich zum nächsten Psychiater-Termin meinen Assistenzhund bei meiner Mutter ablade, um eine erneute Diskussion zu umgehen.

Dies sind nur Beispiele. Ich habe noch wesentlich mehr Dinge, die ich bisher erfolgreich vermieden habe. Hauptsächlich aus Angst bzw. der Angst vor der Angst.

Weshalb zählt mein Assistenzhund nicht zur Vermeidung?
Der Assistenzhund ist ein Hilfsmittel, wie ein Rollstuhl.
Er zeigt mir Panikattacken und Dissoziationen an, beruhigt mich, kann mich aus Geschäften, Menschenmengen, etc. herausführen und mich daran hindern, destruktivem Verhalten nachzugeben.
Er begleitet mich überall hin. Er hat gesonderte Zutrittsrechte aufgrund seines Assistenzhunde-Daseins.

Durch eben diesen Hund mache ich viel mehr Exposition als je zuvor:

  • Ich muss mehrmals am Tag meine Wohnung verlassen, weil der Hund raus muss.
  • Ich fahre freiwillig in die Innenstadt, mit öffentlichen Verkehrsmitteln (sogar mit dem Bus!) und zu Events, um mit meinem Hund zu trainieren.
  • Ich bin mit Unwissenheit und Diskussionen um die Zutrittsrechte konfrontiert – beispielsweise in Arztpraxen, Lebensmittelläden oder gar bei der Hotelbuchung. Immer muss ich erklären, dass Yoshi Assistenzhund ist, was dies bedeutet und welche Rechte wir als Team haben.
  • Ich fahre Aufzug statt Rolltreppe.
  • Ich führe Konversationen mit fremden Menschen, die ich auf der Straße oder auch beim freizeitmäßigen Gassi treffe.
  • Ich bin mit Hund mehrmals in der Bahn auf und ab gelaufen, um dies mit ihm zu üben. Ich bin aufgefallen. Leute haben uns beobachtet. Ich habe es ausgehalten.
  • Ich weise wildfremde Personen darauf hin, dass sie bitte meinen Assistenzhund nicht ablenken sollen, da er arbeitet.
  • Ich verteidige meinen Hund und mich, gebe bei uneinsichtigen Menschen Kontra und weise sie beispielsweise auf die Leinenpflicht hin.
  • Ich gehe zum Tierarzt. Ich telefoniere mit dem Tierarzt.
  • Ich setze mich regelmäßigen Treffen mit meinen Trainerinnen aus.
  • Ich habe 3 Wochen Magen-Darm mit Yoshi durchgestanden, und das, obwohl Magen-Darm einer meiner größten Trigger ist.
  • Ich schaue meinen Zwängen ins Auge und wasche mir beispielsweise nicht mehr nach jedem Kontakt mit Hundesabber die Hände. Ich habe sogar Kotproben gesammelt.
  • Ich setze mich der Konfrontation mit meinem Vermieter aus (Räumungsklage) und gebe nicht Klein bei. Hierbei kommuniziere ich u.a. mit Anwälten.
  • Ich raffe mich auch bei der größten Antriebslosigkeit auf, um mit Yoshi rauszugehen und zu üben, denn auch Kommandos, die schon klappen, müssen immer wieder aufgefrischt werden.
  • Ich laufe durch meine Kleinstadt – zur Post, zur Bank, etc. und begegne Menschen.
  • Ich beantworte Fragen von Fremden zu Yoshi und seiner Ausbildung/Aufgabe.
  • Ich habe ein telefonisches Interview über Yoshi’s und meinen gemeinsamen Weg überstanden.

Dies sind wieder nur einige Beispiele. Es gibt noch viel mehr, aber ich denke, ihr versteht, was ich sagen möchte.

Ich setze mich jedenfalls vielen Situationen aus, die ich vorher eindeutig gemieden habe oder die ohne Assistenzhund gar nicht auftreten würden (Diskussionen zu den Zutrittsrechten und die Räumungsklage beispielsweise).
Ich lerne, für meine Rechte einzustehen und sie auch verbal zu verteidigen. Ich mache den Mund auf und lerne, dass auch meine Rechte etwas wert sind. Ich darf gesehen werden. Ich muss nicht immer wegstecken und unsichtbar bleiben und still vor mich hin leiden, nur, damit andere es bequemer haben.

Seitdem ich mit Assistenzhund unterwegs bin, besteht mein Leben aus sehr, sehr viel Exposition. Meine Therapeutin ist begeistert, wie man sich unschwer vorstellen kann, denn, wenn ich mit Yoshi trainiere, werden automatisch auch meine Ängste, Zwänge und Vorstellungen neu kalkuliert. Ich setze mich bewusst Angstsituationen aus und mein Hirn lernt, dass es oft eigentlich gar nicht so schlimm ist, wie vorher gedacht. Bisher habe ich alles überlebt.

Ich lerne zudem Achtsamkeit. Pausen machen. Auf Yoshi’s und meine Bedürfnisse eingehen. Freizeit und positive Aktivitäten einbauen. Selbstfürsorge und Fürsorge für den Vierbeiner.

Es ist keinesfalls immer leicht. Im Gegenteil. Es ist meistens super anstrengend. Manchmal würde ich mich am Liebsten verkriechen und alles vermeiden. Nur auf dem Sofa sitzen, Gardinen zuziehen und die Welt ausblenden. Aber dann kommt Yoshi und schaut mich mit seinen blauen Kulleraugen an: „Gassi?“
Und wenn wir draußen sind, bin ich doch ein wenig stolz darauf, mich aufgerafft zu haben, frische Luft zu schnuppern und so viel in so kurzer Zeit geschafft und gelernt zu haben.

Mein Assistenzhund ist keine Vermeidung. Er ist eine unterstützende Therapie – nicht einfach, aber sehr lohnenswert.

 


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Wer wissen möchte, wie ein Assistenzhund einem Menschen mit psychischen Erkrankungen helfen kann, findet eine kurze Zusammenfassung und weiterführende Links in meinem Blogpost Assistenzhund bei psychischen Erkrankungen


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